Minidirndl - weil weniger manchmal mehr ist

Ohne Bekleidung ginge gar nichts, ohne Mode böte sich uns ein langweiliges Bild, und ohne Stil würde die Mode keine neuen Impulse empfangen. Will man diese Abhängigkeitskette anschaulich überprüfen, lohnt der Blick auf das Minidirndl. Es ist das bislang jüngste Kind innerhalb der Familie der trachtigen Dirndlmode. Die älteren Geschwister, das klassische Dirndl sowie das Mididirndl, sind auf öffentlichem Parkett deswegen jedoch nicht seltener geworden. Vielmehr scheint den Schöpfern des Minidirndls nicht entgangen zu sein, dass die jüngere Generation in Sachen Trachtenbekleidung fast schon zu lange vernachlässigt wurde, obwohl diese sich dafür durchaus offen zeigt. Und da auch die jungen Leute nicht erwarten, dass das Rad neu erfunden werden muss, während bereits Bestehendes unter leicht verändertem Blickwinkel zu überraschend neuen Seherlebnissen führen kann, wurde das Minidirndl mit offenen Armen aufgenommen - nicht nur von der jungen Generation. Ob dies eine Reaktion auf die vergleichsweise sittsam und züchtig wirkende Erscheinung des den Körper weitgehend verhüllenden klassischen Dirndls war, sei dahingestellt. Eines jedoch ist unumstritten: Wer seine Beine zeigen will, weil er bzw. sie sich das leisten kann, muss nicht unbedingt auf andere Bekleidungskategorien ausweichen. Und da schon die Rede von Beinfreiheit war, sollten auch die neuesten Kreationen im Bereich der Minidirndls nicht unerwähnt bleiben, bei denen die Schultern frei bleiben und der verbliebene Anteil der Bluse durch seine feine Spitze, der raffinierten Schnürung bzw. elastischen Raffung sowie den neuen kräftigen Farben immer noch genügend hergibt, um sich gegen die Reize seiner Trägerin zu behaupten. So ist das Minidirndl ein Beispiel dafür, wie aktuell und flexibel Kleidung aus dem Trachtenbereich sein kann. Gleichzeitig war dies ein idealer Schachzug der Couturiers, die Ausbreitung speziell der Dindlmode weiter voranzutreiben. Dabei gingen sie Hand in Hand mit einer aufgeschlossenen jungen Generation, die selbst bestimmt, zu welchen Anlässen sie ein Minidirndl tragen möchte. Und das sind keinesfalls nur das Oktoberfest, historische Märkte oder sonstige folkloristisch motivierten Veranstaltungen. Weit gefehlt. Das Dirndl hat längst die städtischen Flaniermeilen, die Foyers der Theater und Kunsttempel, ja selbst die eine oder andere In-Diskothek erobert. Bei aller Anpassungsfähigkeit der Dirndlmode, deren jüngster Spross das Minidirndl darstellt, zeigt sich gerade an dieser Variante mit knapp über dem Knie endendem Rock, dass das Minidirndl seine Herkunft nicht verleugnet. Ganz im Gegenteil hat es sich seine neue Anhängerschaft nicht durch Effekthaschereien erworben, die kurz aufblitzen, um dann doch in der modischen Versenkung zu verschwinden. So besteht auch das Minidirndl - wie schon das Mididirndl und die klassische lange Ausführung - grundsätzlich aus Rock, Schürze und Bluse. Innerhalb dieser Trilogie wiederum ist den Designern viel Spielraum für Detaillösungen gegeben, die jedoch nie die ursprüngliche Form der historischen Vorbilder gänzlich aus den Augen verlieren. Sie, die Trachtenkleider, sind Leitbilder für die moderne Dirndlmode, die den Wert alter Sitten und Gebräuche sowie eines Zusammengehörigkeitsgefühls und der Verbundenheit mit Land und Leuten in sich trägt, ohne in der Zeit stehen zu bleiben. Das Minidirndl ist somit sicher nicht die letzte Reaktion auf den virulenten Modebetrieb, bestimmt für Menschen, die das Neue lieben und das Alte zu schätzen wissen.

Geschrieben von (Winkler Tracht)

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